Wenn die Seele in die Jahre kommt

Ein Gespräch
mit Oliver Rosenthal

Zufrieden alt werden ist ein weit verbreiteter Wunsch. Warum gelingt das nicht so einfach?

Über die gesamte Lebensspanne hinweg sind Ressourcen – biologische, psychologische oder kulturelle Merkmale – gleichzeitig entwicklungsfähig und begrenzt. Die Ressourcenbegrenzung ist im höheren Alter besonders ausgeprägt, das heißt, dass das Verhältnis von Gewinnen zu Verlusten im höheren Alter ungünstiger wird.
Hierbei ist jedoch zwischen einem „jungen“ und einem „alten“ Alter zu unterscheiden. Personen im „jungen“ Alter (etwa bis zum 7. Lebensjahrzehnt) weisen häufig ein allgemein recht hohes Funktionsniveau auf. Im „alten“ Alter (etwa ab dem 8. Lebensjahrzehnt) dagegen werden Verluste immer gravierender.

Haben Männer mehr Schwierigkeiten mit dem Altern?

Macht und Dominanz, Kontrolle, Mut, Leistungs- und Wettbewerbsorientierung, Unabhängigkeit, Autonomie, Rationalität, Aktivität und Unverletzlichkeit sind Wertvorstellungen und Handlungsleitlinien der traditionellen Männlichkeit. Eine zunehmende körperliche Einschränkung im Alter kann daher als Bedrohung dieser männlichen Rolle gesehen werden. Ältere Männer reagieren jedoch ganz unterschiedlich auf diese „Bedrohung“.

Wird die Seele im Alter eigentlich auch schwächer?

Psychische Alternsprozesse lassen sich zum einen in Veränderungen des Denkens und der Gedächtnisfunktionen sowie andererseits in Veränderungen der Emotionen, Motivation und der sozialen Kompetenz untergliedern. Normales Altern ist mit einem altersbedingten kognitiven Abbau verbunden. Im Bereich der Emotionen, der Motivation und der sozialen Kompetenz trifft dies grundsätzlich nicht zu, da sie häufig eine wesentliche Ressource im Alter darstellen.

Schützen wirtschaftlich stabile Verhältnisse vor Depressionen?

Eine finanzielle Absicherung schützt uns nicht vor auslösenden Faktoren, die zu einer Depression im höheren Lebensalter führen können. Hierzu zählen:

  • Verlust und Verlassen werden von wichtigen Bezugspersonen
  • Verlust von Bekannten und von Freunden
  • Verlust von Gewohnheiten im Alltag, beispielsweise durch einen Umzug in ein Heim oder durch körperliche Erkrankungen
  • Nachlassen und/oder Verlust körperlicher Funktionstüchtigkeit
  • Grundsätzliche Angst vor dem Altsein
  • Beziehungsprobleme im höheren Alter

Treten depressive Stimmungen bei älter werdenden Männern oder Frauen häufiger auf?

Schwere Depressionen sind im Alter nicht häufiger, nach einigen Studien sogar weniger häufig als im jüngeren Erwachsenenalter. Laut einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts erkranken 8,1 % aller Personen im Alter von 18 – 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer Depression. Betrachtet man nur die 70 bis 79-jährigen, so sind es 6,1 %. Allerdings sind leichtere Depressionen oder Depressionen, bei denen nicht alle Symptome vorliegen (sog. subklinische Depression) zwei bis drei Mal so häufig bei älteren Menschen zu finden. Auch diese Störungen gehen mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Gesundheit und der Lebensqualität einher.

Was können Auslöser einer Depression sein?

Die Depression, unabhängig vom Alter des Betroffenen, kann unterschiedliche Ursachen haben. Dazu gehören einschneidende Veränderungen der Lebensverhältnisse und Schicksalsschläge. Manchmal gibt es aber auch keine erkennbaren äußeren Einflüsse. Dann können mögliche biologische Ursachen (bestimmte genetische Merkmale), Veränderungen der Systeme der Botenstoffe und der Hormone, negative Denkmuster, Veränderungen im sozialen Umfeld oder körperliche Erkrankungen als Risikofaktoren zu einer Depression führen.

Wie erkennt man als älterer Mensch die Symptome einer Depression?

Sowie der Verlauf einer depressiven Erkrankung sehr individuell ist, so sind auch die frühen Symptome einer Depression sehr unterschiedlich. Grundsätzlich gleichen depressive Episoden des mittleren oder jüngeren Erwachsenenalters denen des höheren Lebensalters. Üblicherweise berichtete Symptome bei einer Depression im Alter sind ein Energieverlust, ein Appetitverlust, Schlafstörungen und/oder Schmerzen. Weiterhin kann es zu einem Interessenverlust, dem Verlust von Freude, dem Aufkommen von Wertlosigkeitsideen sowie von Schuldgefühlen kommen.

Wie sollte man auf depressive Symptome reagieren?

Erst einmal ist es für den Betroffenen wichtig zu wissen, dass eine mögliche Depression eine Erkrankung ist wie jede andere auch. Sie ist auf keinen Fall ein Zeichen persönlichen Versagens. Von daher darf und sollte sich der Betroffene gegenüber Verwandten oder Freunden, zu denen Vertrauen herrscht, öffnen und über seine Probleme sprechen. Auch sollte er sich nicht scheuen, professionellen Rat einzuholen, beispielsweise bei seinem Hausarzt.

Welche Rolle spielt bei den seelischen Belastungen die Arbeitswelt?

Seit den 90er Jahren verändert sich die Arbeitswelt in den industrialisierten Ländern rasant. Eine hohe Arbeitsbelastung und die Angst vor Arbeitslosigkeit treiben dabei immer mehr Menschen in eine Depression und eine Arbeitsunfähigkeit. Die Beziehung zwischen Arbeit und Depression ist dabei wechselseitig: Arbeit gibt dem Menschen Selbstvertrauen und Anerkennung, aber Stress am Arbeitsplatz kann auch Auslöser für eine depressive Erkrankung sein.

Welche psychischen Erkrankungen treten vor allem im Alter auf?

Grundsätzlich können alle psychischen Erkrankungen des mittleren Lebensalters auch bei Menschen im höheren Lebensalter auftreten. Studien haben aufgezeigt, dass in Deutschland ca. ein Viertel der über 65-jährigen an einer psychiatrischen Erkrankung leiden. Häufig sind dabei die sogenannten organisch bedingten psychischen Erkrankungen wie beispielsweise eine Demenz, leichte kognitive Beeinträchtigungen sowie akute Verwirrtheitszustände anzutreffen. Aber auch das Krankheitsbild einer Depression spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Viele ältere Menschen leben allein. Hat das Auswirkungen auf die psychische Gesundheit?

Auch Beziehungsprobleme im höheren Lebensalter können ein auslösender Faktor für die Entstehung einer Depression im Alter sein, sodass eine Trennung hier zu einer Verbesserung der depressiven Symptomatik führen kann. Tatsächlich haben wir es in unserer klinischen Erfahrung deutlich häufiger mit einer objektiven Vereinsamung (beispielsweise durch den Verlust und/oder das Verlassenwerden von wichtigen Bezugspersonen) als Auslöser einer depressiven Erkrankung zu tun.

Was wünschen Sie sich von der Forschung, um Risikofaktoren besser erkennen zu können?

Depressive Erkrankungen sind im Alter folgenschwer. Sie sind mit Funktionsbeeinträchtigungen, einer reduzierten Lebensqualität sowie einer erhöhten Suizidrate verbunden. Durch die demografische Entwicklung gehören depressive Erkrankungen im Alter zu einer drängenden Versorgungsherausforderung. Die bevölkerungsmedizinische Bedeutung für Hochaltrige wurde dabei aber lange unterschätzt. International liegen Studien im Bereich der Versorgungsforschung sowie Versorgungsleitlinien bereits vor. Es besteht nationaler Handlungsbedarf, um zur internationalen Entwicklung aufzuschließen.