Schuldgefühle – hilfreich oder unnötige Belastung?

Wenn ein Mensch hilflos am Boden liegt, weil er verletzt wurde oder akut erkrankt ist, übernehmen nicht alle Vorbeikommenden Verantwortung. Nur einige stehen ihm bei oder holen Hilfe. Die Entschuldigungen der Weitergehenden sich selbst und möglicherweise anderen gegenüber machen sie „immun“ gegenüber einem eigentlich in dieser Situation gerechtfertigten schlechten Gewissen.

Allerdings gibt es auch viele Menschen, die sich Selbstvorwürfe machen, obwohl sie in Wirklichkeit gar nichts „angestellt“ haben. Ihr überstrenges Gewissen macht praktisch aus einer Mücke einen Elefanten. Zum Beispiel sind sie in Sorge, sie könnten einem Bekannten mit einer unpassenden Bemerkung zu nahegetreten sein, obwohl es keinen „vernünftigen“ Anlass dafür gibt. Sie leiden deswegen unter Gewissensbissen bzw. geraten in eine Grübelspirale. Ihnen täte es gut, wenn sie „fünf“ auch einmal gerade sein lassen könnten, aber das erlauben sie sich nur selten. Wenn sie versuchen, einen Spaziergang zu genießen anstatt sich pflichtgemäß der anstehenden Gartenarbeit zu widmen, verderben ihnen ihre grundlosen Selbstvorwürfe den Spaß.

Wichtig ist, festzuhalten, dass nicht alle Menschen mit solchen Zweifeln eine Depression bekommen. Aber umgekehrt haben praktisch alle Menschen, die an einer Depression erkranken, ein zu „hartes“ Gewissen. Dieses überstrenge Gewissen in seiner Bedeutung abzuschwächen ist eine der zentralen Aufgaben in der Therapie von Menschen, die an einer Depression leiden.

Zusammenfassend kommt es also vor allem auf die „Dosis“ an: Angemessene Schuldgefühle sind durchaus hilfreich, damit man sich wie oben beschrieben, anderen gegenüber sozial angemessen verhält. Unverhältnismäßige starke Schuldgefühle stellen jedoch eine unnötige innere Belastung dar oder können gar auf Dauer mit zu dem Entstehen einer seelischen Erkrankung beitragen.