Trauer(n) – natürlich oder krankhaft?

Die ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist ein weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Herausgeber ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In einer neuen Beschreibung und Einteilung psychischer Störungen wird voraussichtlich das Krankheitsbild “anhaltende Trauerstörung“ aufgenommen. Aber ist Trauer nicht ganz normal?

Der Tod eines Menschen, zu dem eine enge Bindung bestand, ist häufig mit einem hohen seelischen Leid für die trauernde Person verbunden. Altern, Sterblichkeit und Trauerleid werden in unserer weltlich-ökonomisierten Leistungsgesellschaft zunehmend tabuisiert. Religiöse und humanistische Bindungen nehmen ab und für die Trauernden gibt es wenig allgemein anerkannte Symbole, Rituale und auch akzeptierte Zeiträume des Trauerns.

Um Trauer zu bewältigen, kann es hilfreich sein, sich bereits frühzeitig und bewusst mit der Endlichkeit zu beschäftigen („abschiedliche Existenz“). Später helfen geschützte Trauerzeiten für Erinnerung, die Klärung der besonderen Bedeutung des verlorenen Menschen und nicht zuletzt die Verinnerlichung positiver gemeinsamer Erfahrungen. Oft resultiert daraus ein Neuerleben des eigenen Selbst.

Eine krankheitswertige Trauer nach ICD-11 ist im Kern gekennzeichnet durch eine überdurchschnittliche Zeitdauer (> 6 Monate). Schwer wiegende, besonders plötzliche und gewaltsame Verluste können das seelische Verarbeitungsvermögen übersteigen und ein komplexes Leidensbild bedingen. Dieses kann sich z. B. in deprimierter Stimmung, emotionaler Taubheit, Ängstlichkeit, Schuldgefühlen, Rückzug und Verleugnung ausdrücken. Die Beurteilung einer krankheitswertigen Trauer sollte hier sehr kritisch vorgenommen werden, denn viele dieser seelischen Leidensmerkmale gehören ganz natürlich zum Trauern dazu.